Volkswirtschaft und Politik

Mein Lebenslauf                                        


(einige Fakten, locker kommentiert)

Kindheit in der Heimat (1939 – 1946)

Am 25. 2. 1939 wurde ich in Falkenau an der Eger (Sudetenland, jetzt Tschechien) geboren. Eltern: Josef W. (kaufmännischer Angestellter, geb. 3. 1. 1894) und Marie W., geb. Stock (geb. 14. 1. 1901). Geschwister: Älterer Bruder Ernst W. (geb. 1924, Ing. Maschinenbau) ist im Krieg bei Stalingrad in Russland gefallen (1943). Vater hat beide Weltkriege als Soldat miterlebt (und die Familie indirekt auch). Nach der Heimkehr 1945 Zwangsarbeit im Bergbau da, wo er zuvor kaufmännischer Angestellter war (Montanwerke Falkenau). Bis zur „Aussiedlung“ (ethnische Säuberung) am 7. 6. 1946 per Viehwagen wohnhaft im eigenen Haus Hartweg 103 in Falkenau (schönes Häuschen auf Anhöhe mit Felsblöcken, Birken und großer Rasenfläche zum Spielen). Nach dem Krieg Schikanen an den Verwandten durch Tschechen (insbes. Großeltern, die von einer Stunde auf die andere aus ihrem Bauernhof gejagt wurden und bei uns unterkamen). Völliger Vermögensverlust. Am Abend vor dem Einrücken in das Abschiebelager und die Güterzüge stieg ich mutterseelenallein den Berg hinter unserem Haus hoch und sah bewusst in den letzten Sonnenuntergang. Meine Lieblingstante Ida Fenkl (bei Kriegsende als Geschäftsfrau in Teplitz-Schönau aufgegriffen) wurde bis etwa 1947 im berüchtigten Gefängnis Pankrac in Prag drangsa¬liert, ehe sie per Zufall über die kanadische Gesandtschaft frei kam.

Kindheit in Schwabniederhofen (1946 – 1955)

Nach Vertreibung und Barackenlager in Schongau (von dort aus mussten meine Eltern gelegentlich zwangsweise in der von US-Militär besetzten Luftlandeschule Altenstadt arbeiten) schließlich im Dorf Schwabniederhofen wohnhaft. Obwohl ich Ministrant war und Mutter sowie Großmutter regelmäßig die katholische Messe besuchten, wurde die Familie durch die Eingeborenen schlecht behandelt („Wenn Ihr nichts verbrochen hättet, wärt Ihr nicht vertrieben worden.“ Meine leutselige Mutter hat beim Aushub einer Grube in der Ortsmitte nach unten gefragt: "Was soll denn das werden?" Antwort von unten: "Ein Massengrab für die Flüchtlinge."). Am Abend eines heißen Sommertages wollte mein Vater sich ein Bier kaufen. Das wurde ihm vom Wirt Max Dopfer mit der Bemerkung verweigert: "Das Bier ist nur für die Bauern." Erst nach der Wahl mei¬nes Vaters („für die Flüchtlinge“) in den Gemeinderat trat eine gewisse Besserung ein. Mutter, die nie mehr über den Tod „ihres“ Sohnes Ernst hinweg kam, und ich halfen gegen Mittag- und Abendessen (insgesamt eine Portion) auf dem Bauernhof der Maria Waldmann, wo wir zu dritt ein Zimmer neben dem Schweinestall bewohnten (amtlich requiriert und blutrot getüncht). Später erhielten wir freiwillig noch eine Schlafkammer im geräumigen Oberstock des Bauernhofes. Ich bekam 1950/51 für eine Woche Kühehüten (etwa 25 Rinder an jedem Nachmittag) eine D-Mark. Und dann gab es da noch den bösen Lehrer Geißler, der schlug und an den Haaren zerrte. Herrlich waren für mich als Ministrant jedoch im Lauf des Kirchenjahres die Tage der Osterwoche sowie die morgendlichen Rorate-Messen der Vorweihnachtszeit mit schönen Liedern und nachfolgendem Frühstück. Einmal durfte ich mit meiner glockenreinen Knabenstimme an vier Sonntagen Kirchenchor und Orchester einleiten: „Siehe ... !“

Vater war lange arbeitslos (musste zweimal wöchentlich „zum Stempeln“ beim Arbeitsamt Schlangestehen, Aushilfe als Nachtwächter in Hohenfurch, ambulanter Kruzifixverkäufer per Fahrrad und Heimarbeiter für Kleinst-Puppenstuben ergaben den kargen Unterhalt). Er nahm schließlich eine Stelle als Metallfacharbeiter an (für Büroarbeit waren Kriegsversehrte bevorzugt). In ähnlich schwieriger Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (die Eisenwarenhandlung Winter in Falkenau, sein Lehrbetrieb, existierte nicht mehr) musste mein Vater einige Zeit als Schnaps-Reisender, später als Lagerist in der Chemischen Fabrik Falkenau, den Unterhalt für die noch kleine Familie (Vater, Mutter und Ernst) verdienen. Viel Ungutes aus den beiden Kriegen musste ich als Knirps mit hören, als es sich die Erwachsenen an verregneten Sonntagen in engen Stuben erzählten. Nach Erfahrungsregeln der Soziologie gehörte ich bei meinem Aufbruch in das weitere Leben zu den systematisch Benachteiligten: Flüchtlings- und Arbeiterkind, katholisch, auf dem Land lebend.

Von 1946 bis 1951 besuchte ich die Volksschule Schwabniederhofen und von 1951 bis 1952 die Oberrealschule Landsberg am Lech (Beendigung wegen Bahnstrecken-Stillegung und Umstellung auf Omnibus). Ich gehörte sodann zum ersten Jahrgang der neu errichteten Staatlichen Mittelschule Schongau. Nach Schulbesuch von 1952 bis 1955 (tägliche Fahrradfahrt) schloß ich dort als bester Schüler mit „mittlerer Reife“ ab (Direktor Gottlieb Frank war hart und fürsorglich zugleich). Im Jahr 1954 konnten meine Eltern ein kleines Häuschen in Schwabniederhofen 74 bauen. Die verwitwete und krebskranke Großmutter Marie Stock ebenso wie Familie Erber wurden im Häuschen mit untergebracht. Später half meine Mutter kräftig beim Hausbau der Familie Erber in der Nachbarschaft mit; und meine Eltern betreuten Angelika E. als Schulmädchen.

Ausbildung und Tätigkeit im Bankwesen (1955 – 1961)

In schwieriger Zeit (damals z. B. bekam ich mit Mühen zunächst das Angebot einer Käser- und Kaufmannslehre durch das Erste Bayerische Butterwerk in Schongau) konnte ich am 16. 8. 1955 eine Banklehre bei der Kreissparkasse Schongau beginnen. Die ersten Wochen vergingen mit Bleistiftspitzen, Formularefalten und Schwammbefeuchten am Schalter, wobei mich manche Mädchenblicke von außen verlegen machten.  Einmal wöchentlich besuchte ich die Bankklasse der kaufmännischen Berufsschule in Weilheim (Fahrradfahrt morgens bei Nacht und Nebel nach Schongau, dann Zugfahrt nach Weilheim). Um als Lehrling schon an interessante Fachgebiete zu kommen (z. B. Wertpapiere, Kreditabteilung) übernahm ich in Ferienzeiten freiwillig eine Vertretung auf einem zusätzlichen Arbeitsplatz (drei bis vier Wochen lang kam ich abends erst gegen neun Uhr aus der Sparkasse). Im Jahr 1958 wurden die Schulabschlußprüfung (Lehrer Dr. Johannes Richter) und die Kaufmannsgehilfenprüfung vor der Industrie- und Handelskammer München abgelegt (ein halbes Jahr Lehrzeitverkürzung wegen mittlerer Reife).

Als Kreditsachbearbeiter (mit Franz Strasser, Artur Simnacher und Ludwig Schmid) sowie als Direktionsassistent (bei Max Plank) in der Kreissparkasse Schongau (damals etwa 40 Mitarbeiter) bekam ich Vertrauen, Selbstvertrauen und interessante Arbeiten. Hans Randolf (Innenrevisor) und Artur Simnacher waren für mich wichtige Bezugspersonen, Anreger und Vorbilder für die persönliche Weiterbildung. Mit ihrer Unterstützung konnte ich sehr zeitig schon den Fernkurs der Bayerischen Verwaltungsschule für den gehobenen Sparkassen¬dienst beginnen. Ein halbes Jahr vor der Prüfung stand ich täglich um drei Uhr morgens auf und lernte bis etwa sieben Uhr, um danach mit dem Fahrrad von Schwabniederhofen nach Schongau zur Arbeit zu fahren. Eine der größten beruflichen Leistungen meines Lebens war das Resultat der Prüfung für den gehobenen Sparkassendienst im Jahre 1961 in München: Unter 116 Prüflingen in Bayern Platzziffer Eins und Gesamtnote „sehr gut“. Damit kam ich auch in den Geschäftsbericht der Kreissparkasse Schongau. Aus freien Stücken hatte ich mich zur persönlichen Fortbildung überdies dem Fernkurs der „Bankakademie“ zugewandt und 1961 das Examen der Bankakademie in Köln abgelegt.

Nach der glänzenden Prüfung vor der Bayerischen Verwaltungsschule (damit wäre eine spätere Nachdiplomierung zum „Dipl.-Verwaltungswirt“ möglich gewesen; ich darf mich heute noch als „Sparkassenbetriebswirt“ bezeichnen) erhielt ich Anfragen und Angebote von der Kreissparkasse München (Direktor Hubmann) und vom Bayerischen Sparkassen- und Giroverband (Revisionsdirektor Dr. Küspert und Direktor Faust der Betriebswirtschaftlichen Abteilung). Mit 40 Jahren erst, so sagte mir Direktor Hubmann von der Kreissparkasse München, könnte ich als „Amtmann“ verbeamtet werden. Dies war zwar in der Zeit vor der Umstellung auf „Vorstandsverfassung“ nicht schlecht (Direktor der Kreissparkasse Schongau war als Oberregierungsrat eingestuft), doch ich war mit 22 Jahren zu jung für 18 Jahre Wartezeit.

Familie, Abitur, Studium und Tätigkeit in der Forschung (1961 – 1975)

Hinzu kam damals die Gründung des Münchenkollegs, von der mein früherer Mittelschullehrer Dr. Walter Bittner erfuhr. Dort trat ich im Oktober 1961 ein (Aufnahmeprüfung von weit mehr als 300 Leuten mit guter Mittlerer Reife für 45 Plätze), um nach zweieinhalb Jahren Schulbesuch das Abitur nachzuholen. Herbert Nickl, einer der besten Deutsch- und Geschichtslehrer am Münchenkolleg, mit dem ich mich später einmal verbrüderte, meinte, man dürfe mir meinen IQ gar nicht verraten, sonst werde ich „eingebildet“. Im Frühjahr 1964 legte ich am Münchenkolleg in Harlaching ein sehr gutes Abitur ab. Wäre da nicht eine einzige Drei in Französisch gewesen, hätte man mich in das renommierte Maximilianeum für hochbegabte bayerische Studenten aufgenommen. Wer weiß, wofür der kleine Fehlschlag gut war. Vielleicht wäre ich sonst so eine Art Stoiber geworden. So aber wohnte ich abwechselnd im Studentenheim bei der TH (heute TU) und bei Frau Riesenhuber am Laurinplatz 8 in München, ein Semester nach der Heirat auch als „Fahrschüler“ in Schwabniederhofen.

Die Hochzeit mit Ursula Barbara, geb. Schönecker, fand am 9. August 1965 auf dem Hohenpeißenberg statt. Finanziell günstiger wäre ein Zusammenwohnen ohne Trauschein gewesen (mein Lastenausgleichs-Stipendium wurde mir wegen der Heirat alsbald gestrichen), doch das ledige Zusammenwohnen war damals rechtlich schwierig und wegen Uschis Eltern nicht möglich. Zwei Söhne kamen zu uns: Alexander (geb. am 7. 10. 1967, nun lange schon Dipl.-Ing. für Maschinenbau und selbständiger Unternehmer mit MOTUS und ACCURO, noch vor meinem Studienabschluß und parallel zu meiner Diplomarbeit) und Stefan (geb. am 27. 9. 1969, nun längst Dipl.-Ing. für Bauwesen und Projektmanagement, selbständig mit "Wagner-Diplomingenieure").

An das Abitur hatte sich, gefördert wohl durch den „Treibsatz“ Familie, ein sehr zügiges Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität München angeschlossen. Vom Frühjahr 1964 (um die Sterbezeit von Schwiegervater Waldemar Schönecker in der Ziemssenstraße am Sendlinger-Tor-Platz in München herum) bis 1968 brachte ich die Studienzeit mit sehr guten Leistungen in kürzestmöglicher Zeit hinter mich. Meine akademischen Lehrer waren Erich Preiser (Wirtschaftstheorie, Diplomarbeits-Vater), Hans Möller (Wirtschaftspolitik), Heinz Haller (Finanzwissenschaft), Karl Häuser (Finanzwissenschaft), Hans Raupach (Ostwirtschaft), Eberhard Fels (Ökonometrie und Mathematik) und Hans Kellerer (Statistik). Sämtliche Ferien nutzte ich zum Geldverdienen als Revisionsassistent (genannt „Hilfsprüfer“) beim Bayerischen Sparkassen- und Giroverband (einmal durfte ich während zweier Monate in der Prüfungsstelle des Verbandes eine statistische Arbeit zum Thema „pflichtgemäßes Ermessen“ bei Stichprobenprüfungen ausarbeiten). Zuvor war ich während der Zeit am Münchenkolleg als Werkstudent der Kreissparkasse Schongau tätig (und u. a. mit der Abfassung des Geschäftsberichts und der Kreditrevision betraut). Von den „Spesen“ als Revisor konnte man gut leben; die Gehälter blieben für die Semesterzeit.

Nach meinem Diplom-Examen (gesondert bescheinigt wurde von der Universität München „das beste Examen, seit es Aufzeichnungen gibt“) hatte ich mehrere Assistentenstellen angeboten bekommen, doch ich war bereits von meiner Bankzeit her sehr auf die menschliche Substanz möglicher künftiger Chefs ausgerichtet. Preiser (nun verstorben) und Ott waren mir im Studienbetrieb positiv aufgefallen. Prof. Alfred E. Ott hatte ich gelegentlich seiner Vertretung der Preiser-Professur über den Dauer-Studenten Schneider (und Peter Kalmbach) kennen gelernt. Als Ott 1968 hörte, dass ich ein ausgezeichnetes Examen als Diplom-Volkswirt hatte und einem Angebot des Ifo-Instituts München in die Input-Output-Gruppe (ursprünglich Prof. Gehrig) folgen wollte, hat er mich mit einem Eilbrief nach Tübingen eingeladen.

Ich wurde also wissenschaftlicher Referent am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen (damals noch in der Biesingerstraße 25). Einige Zeit lang war ich traurig darüber, dass Prof. Ott mir keine Assistentenstelle an der Universität angeboten hatte. Doch das legte sich nach einiger Zeit dank mehrerer Publikationen. Abseits der Gutachtenarbeit für das Institut: Die Promotion zum Dr. rer. pol. (mit „summa cum laude“) über die Wachstumszyklen der westdeutschen Volkswirtschaft erfolgte 1972 (Prof. Dr. Alfred E. Ott als Doktorvater). Meine Eltern und Onkel Erwin W. auf der Alb in Feldstetten (als Amtmann und Arbeitsleiter des Statistischen Landesamtes Stuttgartes pensioniert) konnten sich noch sehr dar¬über freuen. „Nun fehlt Dir nur noch der Vertrauensbauch“, sagte Onkel Erwin zu mir. Meine Eltern haben auch noch erlebt, dass ich 1975 aus dem IAW ausschied, um an der Fachhochschule Reutlingen Professor zu werden. Zehn Jahre nach dem Abitur erstmals Hochschulprofessor – das war schon eine Leistung!

Tätigkeit als Hochschullehrer und Institutsleiter (1975 – 2004)

Am 1. 4. 1975 wurde ich als Professor für Volkswirtschaftslehre (und Mathematik) an der Fachhochschule Reutlingen ernannt (Einstufung C 2). Mit Blick auf Stellenknappheit der Universitäten und die Ernährung meiner Familie nutzte ich eine Gelegenheit in Reutlingen. Die Ernennung ging mit einigen Spannungen vor sich, weil ich (ohne vom Boykott der FH-Professoren gegen die Gründung der Berufsakademien zu wissen) in der Prüfungskommission des Ministeriums mitarbeitete. Dafür war ich wohl der einzige Professor, der vom ersten Tag an „auf Lebenszeit“ ernannt wurde. Im Übergang von einer Gewerbeschule zur Hochschule hatte sich in Reutlingen ein recht gemischter Lehrkörper ergeben. Doch man traf auch Sonderlinge wie den Statistiker Schickhard (Nachfahre des Erfinders der ersten Großrechenmaschine) oder den List-Forscher Eugen Wendler (mit seiner Zugriffsbühne für Konsumgüter und ihre Verpackungen). Das Lehrdeputat von 18 Wochenstunden hat anfangs meine Stimmbänder überanstrengt; denn ich hatte ja keine Sprechausbildung. Im Fachbereich Fertigungswirtschaft übernahm ich das Prüfungsamt und später auch das Dekanat. Gut waren die Gelegenheiten zum Tennisspielen.

Im Jahre 1976 konnte ich an der Universität Tübingen die Habilitation für „Volkswirtschaftslehre und Statistik“ nachholen. Habilitationsväter waren Prof. Dr. Alfred E. Ott für Volkswirtschaftslehre und Prof. Dr. Heinrich Strecker für Statistik. Sofort nach der Habilitation war ich Mitglied der Tübinger „Herrenrunde“, in der Prof. Pohmer das große Wort führte. Ich durfte sofort Kaffee und Kekse anteilig bezahlen, hatte mich ansonsten aber unauffällig ruhig zu verhalten. Erste spezielle Vorlesungsangebote (evtl. war bereits etwas in Richtung „Bevölkerungsökonomik“ dabei) fanden bei den Studenten mangels Prüfungskompetenz wenig Anklang.

Vor allem auf Drängen verärgerter Studentenvertreter hatte ich mich in Reutlingen zum Fachbereichsleiter „Fertigungswirtschaft“ (heute Dekan) wählen lassen. Viel Ärger hatte ich – wie die gesamte Reutlinger Spitze – mit einem Dozenten der Rechtswissenschaft. Zwar wurde seine Entlassung beim Ministerium in Stuttgart betrieben (meiner Erinnerung nach wegen mehrer Titel-Vergehen), doch hat das Ministerium die Entlassungsurkunde mit einem erstaunlichen Formfehler ausgefertigt (das Entlassungsdatum fehlte). Der Dozent (den Preußenkönig an der Türe sowie stets mit Sandalen und Zigarre unterwegs) trieb danach noch lange sein Unwesen, ehe das Ministerium eine rechtsgültige Urkunde zustande brachte. 

FH-Professor zu sein, war für Bewerbungen um Universitäts-Professuren eine gewisse Belastung. Zumal mittelmäßige Ordinarien (etwa ein Bankbetriebswirt an der Universität Marburg) hielten alle FH-Professoren für gering qualifiziert. Auf meinem Weg zurück in die Universität bewarb ich mich an der Universität Marburg um eine Statistik-Professor (Nachfolge Schweitzer, von der Lippe) neben Prof. Wolfgang Förster. Meine besonderen Kenntnisse der Bevölkerungs- und Wirtschaftsstatistik, die ich am IAW erwerben konnte, qualifizierten mich für die Stelle. Die Fakultät jedoch verordnete mir für das WS 1978/79 ein Probesemester. Es wurde das härteste Semester meines Lebens (6 Stunden Stati¬stik in Marburg, 4 Stunden Wirtschaftstheorie in Tübingen und 16 Stunden Mikro- und Makroökonomik in Reutlingen). Ich träumte damals fächerübergreifend durcheinander (u. a. in der unvergesslichen Marburger Pension Müller) und lüftete meinen Kopf am Samstag und Sonntag durch tagelanges Wandern (mit Schnauzer Gero) durch die Wälder der Mössinger Umgebung aus. Zwischen Frankfurt und Marburg duzten mich die Studenten gelegentlich in der Bahn. Und in allen Hörsälen der Universität Marburg wurde damals geraucht (angeblich ein Überbleibsel von den Kriegsheimkehrern). Am 1. November 1979 konnte ich die Marburger Statistik-Professur antreten. Das Rauchen im Hörsaal habe ich durch kräftiges Lüften im Winter abgestellt.

Mein Schritt nach Marburg hatte mit zwei im Werden begriffenen Rufen zu tun: Einem zu erwartenden Ruf auf ein Ordinariat für Wirtschaftstheorie an der Universität Frankfurt (Ebel- bzw. Sauermann-Nachfolge) im Betätigungsbereich von Prof. Gerhard Gehrig (damals auch Dekan der unübersichtlichen Großfakultät). Befürworter waren Gehrig und der bekannte Betriebswirt Waldemar Wittmann.  Ein zweiter Ruf auf ein Ordinariat für Wirtschaftstheorie erreichte mich 1980 von der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Ich sehe noch die grüne Tinte der Unterschrift des damaligen Verteidigungsministers Hans Apel vor mir. Verhandelt habe ich in Hamburg kompliziert (u. a. Mauerdurchbrüche gefordert), in der stillen Hoffnung auf den Frankfurter Ruf. Die schlußendliche Absage in Hamburg hatte auch mit Umgewöhnungsschwierigkeiten der Buben, insbesondere Stefan, zu tun. Reinhold Biskup in Hamburg war sehr enttäuscht. Ich habe ihn viel später mit meiner Zusage nach Leipzig versöhnt. Anteil an der Absage in Hamburg hatte auch Ministerialrat Bickelhaupt aus Wiesbaden. Bei ihm waren die Berufungsakten für die Heuß-Nachfolge in Marburg angekommen. Das Verfahren war in aller Stille an mir vorbei gegangen. Kollegen hatten mich jedoch wegen meiner Qualifikation und guten Lehrleistung in das Verfahren einbezogen; denn mit meinem auswärtigen Ruf unterlag ich nicht mehr den Schranken einer verbotenen "Hausberufung". Eingefädelt hat die Sache wohl Günter Krüsselberg mit Unterstützung von Walter Hamm und Alfred Schüller. MR Bickelhaupt rief mich also an: „Ich habe hier ein Berufungsschreiben in der Unterschriftsmappe liegen. Es läuft an Sie aus, sobald Sie den Ruf nach Hamburg zurückgegeben haben.“ Unklar war mir damals, daß die Vorgehensweise einen ersten Berufungszuschlag in Höhe von DM 800 monatlich "kostete". Dennoch: Großartig. Kein weiterer Umzug der Familie. Den Ruf auf den Lehrstuhl Wirtschaftstheorie I, die renommierte Heuß-Nachfolge, habe ich 1980 erhalten und angenommen.

Nach Rufannahme habe ich selbstverständlich beide vorhandenen Mitarbeiterstellen in Anspruch genommen; denn die Lehraufgaben im Grund- und Hauptstudium waren sehr groß.

Wie das Berufungsleben so spielt: Nun saß ich auf dem Lehrstuhl von Ernst Heuß. Viel später begegnete ich Heuß wieder als Mitglied im Ausschuß für Evolutorische Ökonomik des Vereins für Socialpolitik. Bei meinem späteren Tennisfreund Günter Krüsselberg, mit dem ich einige gemeinsame Lehrveranstaltungen hielt, wurde ich in Marburg Co-Direktor des Instituts für Sozial- und Familienpolitik. Als Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Universität Marburg fungierte ich 1984/85. Eigentlich hätte ich bereits ein Jahr früher antreten sollen, doch ich machte mir eine Liste der Professoren- und der Dekansjahre. Dabei stieß ich auf den tonangebenden Betriebswirt Dülfer, der noch nie Dekan war. Ich sagte also: „Ich mache Dekan – sofort nach Herrn Dülfer.“ So kam es dann auch. Eine wichtige Rolle spielten in der Marburger Fakultät, die Fachbereich hieß, immer noch die getrennten Brüder der Juristischen Fakultät (nicht nur wegen der Verbindung über das Genossenschaftsinstitut).

Ab 1983 wurde ich von meinem Marburger Lehrstuhl aus Mitherausgeber der „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“ (neben Ott und Strecker, zusammen mit Lampert und Oberhauser Knut Borchard ersetzend). Nach dem Tod von Alfred E. Ott wurde ich 1995 von Tübingen aus geschäftsführender Herausgeber dieser „referierten Zeitschrift“. Lehren für das Leben auch hierbei zuhauf, u. a. diese: Ein älterer Partner ermunterte einen Autor auf einer Tagung zur Einreichung seines (Vortrags-) Manuskripts, sagte mir aber hinter vorgehaltener Hand, die Einreichung müsse unbedingt abgelehnt werden.

Marburg war meine glücklichste Universitäts-Zeit. Es ergaben sich Freundschaften im Kollegenkreis; und wissenschaftliche Zusammenarbeit war auf einem ehrlichen, gehobenen Niveau möglich. In den Marburger Jahren habe ich sehr viel veröffentlicht (siehe Schriftenverzeichnis), obwohl ich dort zeitweilig drei Tennisclubs gleichzeitig angehörte. Dennoch folgte ich 1986 dem Ruf auf ein Ordinariat für Wirtschaftstheorie an die Universität Tübingen (Scheele-Nachfolge). In Tübingen waren zu jener Zeit noch meine beiden Habilitationsväter aktiv. Nicht wissen konnte ich bei der Rufannahme, dass man als Schüler alle über viele Jahre angestauten Spannungen der Fakultät mit den „Vätern“ auferlegt bekommt. Stets waren in Tübingen – wie Ott formulierte – die „Kollegen Neid und Missgunst“ mit am Tisch. Dies zeigte sich bei einer Kleinigkeit im Zusammenhang mit dem IAW: Bei Ott und bei mir wies die Fakultät das IAW – wie seit eh und je – noch weit von sich. Nach der IAW-Übergabe an Wiegard/Ronning/Stadler und zuletzt an Frau Buch jedoch wird das IAW als ein großes Positivum der Fakultät herausgestellt. Mit der Leitung des IAW (Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung)  war ich von 1989 bis 1992 als stellvertretender Direktor und von 1992 bis 1997 als Direktor (und Ott-Nachfolger) befasst.

Dekan in Tübingen war ich zweimal (einmal 1987/1988 und noch einmal im Turnus 1992/1993). Während meines zweiten Tübinger Dekanats war ich zugleich Lions-Präsident von Tübingen und mit der finanziellen Rettung des IAW befasst. Vorstandsmitglied der Friedrich-List-Stiftung Tübingen war ich von 1990 bis 1996. In diese Zeit fiel auch meine Verankerung im Vorstandsrat und im Kuratorium des Ifo-Instituts München. Hinzu kamen ehrenamtliche Tätigkeiten im „EG-Beraterkreis“ sowie in der „Kommission Wirtschaft 2000“ der baden-württembergischen Ministerpräsidenten, als Vorsitzender des Ausschusses für „Evolutorische Ökonomik“ des Vereins für Socialpolitik von 1994 bis 1995 und im Editorial Board des Journal of Evolutionary Economics von 1990 bis 1997.

Eine Befreiung vor allem von der Auftragseinwerbung für das IAW war für mich der Weggang nach Leipzig. In Stuttgart hatte man nach der Gründung des ZEW in Mannheim das IAW bereits still abgeschrieben. Daß mir die IAW-Rettung hauptsächlich mit namhaften ökonometrischen Aufträgen aus dem Bonner Verkehrsministerium gelang, war nicht vorauszusehen. MR Dr. Mosmayer in Bonn hatte mein Makroökonomik-Lehrbuch durchgeblättert und mein Zitat von Arno Schmidt gesehen. "Den Mann will ich mir ansehen." Man wollte im Wirtschaftsministerium keinen Wettbewerb zwischen IAW und ZEW, sondern Kooperation, Spezialisierung und Kartellierung. Im Jahre 1996 ließ ich mich als Ordinarius für Empirische Wirtschaftsforschung an die Universität Leipzig berufen. Ein Jahr später gelang mir dort die Gründung des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung (IEW) an der Universität Leipzig, dessen Direktor ich fortan war.

Völlig ungeplant und konflikthaft geschah meine Wahl zum Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig für die Jahre von 1996 bis 1999. Während an den Universitäten Marburg und Tübingen die ungeschriebenen Regeln der Anciennität für das Miteinander in wichtigen Fragen galten, suchten in Leipzig die jungen Ein-Ruf-Kollegen eine Art inverser Anciennität zu praktizieren. Im Kreis der 14 Dekane jedoch, die jeweils vor Senatssitzungen ihre Beratungen abhielten, ergab sich für mich „Altgedienten“ eine angenehme Wertschätzung. Darauf ist zurückzuführen, dass ich auf Vorschlag von Rektor Volker Bigl ab 2000 als Prorektor für strukturelle Entwicklung gewählt und ernannt wurde. Dieses Prorektoramt war ein „Himmelfahrtskommando“, wie man im Krieg sagte; denn die öffentlichen Beteuerungen der Landesregierung über den Auf- und Ausbau der Universität Leipzig gingen logisch nicht mit den umfangreichen Stellenstreichungen zusammen. Schlüssig ergab sich daraus mein Rücktritt aus Protest. Mir folgte der Jurist und spätere Rektor Franz Häuser als Prorektor nach.

Einige Nebentätigkeiten der damaligen Zeit: Beirat der Universitätsstiftung ab 2000, Mitglied der Wüstenrot-Stiftung Ludwigsburg (seit 1998, ab 1999 Mitglied des Vorstandes), schließlich Mitglied des Aufsichtsrats der W&W AG, Redaktion der „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“ am IEW in Leipzig angesiedelt.

Am 31. 3. 2004 wurde ich als Universitätsprofessor von Leipzig aus in den Ruhestand verabschiedet. Lehrstuhl und IEW übernahm Prof. Dr. Ullrich Heilemann, ehedem Vizepräsident des Rheinisch-westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Es blieb mir das gesetzliche Recht, weiterhin zu lehren und zu prüfen. Bis heute ist jedoch nicht zu bemerken, daß die Universität Leipzig mit den Ressourcen der "Emeriti" umzugehen weiß. Ohne Vergütung würden viele der noch rüstigen und im Fach bekannten Leute in etwa zu viert einen Vollzeit-Professor aufwiegen.

Das „Projekt Ruhestand“ (seit 2004)

Mein Ruhestandsprojekt hatte einen schwierigen Start. Nach einem Fahrradsturz am 1. Mai 2003 (das reimt sich), den Ärzte lange für die Ursache und nicht bereits für eine Auswirkung meiner rätselhaften gesundheitlichen Einschränkungen hielten, hatte ich lange Wege zu gehen und bedrückende Stunden der Ungewissheit zu durchleben. Einige Fehldiagnosen von Ärzten waren „abzuarbeiten“ (MS und Schlimmeres wie ALS, Parkinson, Bleiablagerunden im Gehirn), ehe ich durch Dr. Konrad Goecke in Marburg und Prof. Ostertag in Freiburg auf die richtige Spur kam: hin zu Prof. Tatagiba in Tübingen, der mir per Operation einen Shunt im Kopf einsetzte. Der 7. Dezember 2006 war ein „zweiter Geburtstag“ für ein neues, munteres Leben im Ruhestand mit allerlei Aufgaben.

Am 10. 6. 2009 wurde mir von der Fakultät für Wirtschaftswissen-schaften der Technischen Universität Chemnitz der Ehrendoktor Dr. rer. pol. h. c. verliehen ("in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften sowie seiner besonderen Verdienste um die Entwicklung dieser Disziplin"). Dies ist für mich der schönste Erfolg der späten Jahre, für den ich der Fakultät und dem Anreger Fritz Helmedag sehr dankbar bin. 

Mein zeitweiliges Engagement in der FDP erwies sich als große persönliche Enttäuschung (Irrweg der Euro-Bewahrung "um jeden Preis"; die Partei reklamiert Wirtschaftskompetenz und weiß doch mit Ratschlägen eines ordentlichen Wirtschaftsprofessors nichts anzufangen). Schlüssig bin ich aus der FDP ausgetreten (wie zuvor bereits aus dem Lions-Club Tübingen). Suchen und Genießen wird sich – hoffentlich – eines Tages auf die Enkelkinder (bisher Pia, Oskar und Benjamin) und die Kinder (Alexander und Stefan mit Partnerinnen) in der Ferne richten können.

Geplant hatte ich eine aktive „Alfred-Eugen-Ott-Gesellschaft“, doch dafür erhielt ich bei den "Schülern" nicht genügend Arbeitsbeteiligung. Das Alfred-Eugen-Forum in Bebenhausen wird nun in ganz kleinem Rahmen von Dr. Eva Ott-Meier privat fortgesetzt.